Spurensuche

"Moin!“, höre ich eher selten in Berlin. Aber Plattdeutsch lebt auch hier. Zum Beispiel bei den monatlichen Treffen des Ostfriesenvereins Berlin e.V., mit deren langjähriger Vorsitzenden Anke Brants ich mich in Berlin-Wilmersdorf getroffen habe. Sie berichtete mir über die lange Tradition ihres Vereins und die gemeinsamen Aktivitäten der Exilfriesen in Berlin. Aber auch außerhalb des Vereins habe ich mich auf Spurensuche begeben und weitere Ostfriesen in Berlin getroffen.

Dies sind ihre Geschichten:


Ralf Wieland, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses

Karin Evers-Meyer und Ralf Wieland sitzen bei einer Tasse Tee im Café La Tortuga.

Karin Evers-Meyer und Ralf Wieland im Café La Tortuga.

Schulen, in denen 80 Prozent der Kinder Deutsch nicht als Muttersprache sprechen. Straßen, in denen mehr als die Hälfte der Einwohner von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe leben. Geschäfte, in denen die Kunden wie selbstverständlich auf Türkisch angesprochen werden. Ralf Wieland, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Sozialdemokrat, vertritt einen besonderen Wahlkreis im alten Berliner Arbeiterbezirk Wedding.

Im „Soldiner Kiez“, dem Viertel zwischen der U-Bahnstation Osloer Straße und dem S-Bahnhof Wollankstraße, kümmert sich der gebürtige Wilhelmshavener darum, dass es den Menschen besser geht. Und er macht das mit Erfolg. Ich habe ihn im Café „La Tortuga“ in der Koloniestraße getroffen. Das Café geht zurück auf eine Initiative der örtlichen „Quartiersmanager“, die dafür zuständig sind, das Zusammenleben in den Kiezen zu verbessern. „La Tortuga“ gibt es seit über zehn Jahren und ist nicht nur ein Treffpunkt für die Anwohner, sondern auch ein Ausbildungsbetrieb für Jugendliche, die sich schwer tun bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

 
Karin Evers-Meyer und Ralf Wieland vor dem Bücherbaum.

Der Bücherbaum neben dem Café "La Tortuga" steht allen Anwohnern offen.

Ralf Wieland, der 1956 an der Jade zur Welt kam, kann viele spannende Geschichten über das Viertel erzählen. Seit über 30 Jahren lebt er im Wedding. Dieser raue Teil Berlins und seine Menschen liegen ihm sehr am Herzen.

Was mich besonders begeistert hat, sind die vielen kleinen Einrichtungen, die das Wohnen und Leben im Viertel angenehmer machen. Zum Beispiel der Bücherbaum, direkt neben dem Café „La Tortuga“. Dort liegen Bücher zur Ausleihe aus. Das Besondere: Es gibt keine Kontrolle, ob die Bücher auch zurückgegeben werden. Aber es funktioniert, wie mir Ralf Wieland versichert hat. Und tatsächlich: Als wir da waren, standen noch ausreichend Bücher im Baum.

 

Ostfriesenverein Berlin e.V.

Bild zeigt Karin Evers-Meyer im Gespräch mit Anke Brants. Die beiden schauen gemeinsam in ein Heft zum 75jährigen Jubiläum des Ostfriesenvereins Berlin.

Karin Evers-Meyer mit Anke Brants vom Ostfriesenverein Berlin e.V.

Gegründet hat sich der Ostfriesenverein Berlin e.V. schon 1926. Damals hatten einige Exilfriesen in Berlin einfach das Telefonbuch in die Hand genommen und nach typischen Namen Ausschau gehalten: Everts, Frerichs, Gerdes, Oltmanns, Brunken, Ennen usw. – einfach anrufen und verabreden. Es sollte der Beginn einer langen erfolgreichen Vereinsgeschichte werden.

Im Krieg musste der Verein seine Aktivität einstellen. Bereits 1949 ermutigte jedoch Berlins Bürgermeister Ernst Reuter, übrigens selbst gebürtiger Ostfriese, die Mitglieder, ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

Gesagt getan: Die zwischenzeitlich mehr als 400 Mitglieder treffen sich bis heute regelmäßig zu Teerunden, es werden Radtouren durch Berlin organisiert und, natürlich: Man trifft sich zum Boßeln. Doch damit längst nicht genug: Einmal im Jahr wird ein Grünkohlessen organisiert und zum Höhepunkt gibt es an jedem 1. Advent einen Gottesdienst auf Plattdeutsch im Paul- Gerhardt-Stift zu Berlin.

Das alles kommt natürlich nicht von allein, sondern ist Ergebnis der engagierten Arbeit des Vereinsvorstands und der Mitglieder. Der ist es auch zu verdanken, dass auch weiterhin neue Mitglieder dazukommen.

Allen Exilostfriesen in Berlin lege ich wärmstens ans Herz, sich einmal bei Ostfriesenverein Berlin e.V. zu melden. Es lohnt sich. Weitere Informationen über den Verein finden Sie unter www.ostfriesenverein-berlin.de. „Lüch op!“

 

Willy-Brandt-Skulptur von Rainer Fetting

Bild zeigt Karin Evers-Meyer im Atrium des Willy-Brandt-Hauses. Sie schaut zur Statue von Willy-BRandt auf.

Karin Evers-Meyer im Willy-Brandt-Haus, Berlin.

Meine Spurensuche in Berlin hat mich diesmal Mitten ins Herz der Sozialdemokratie geführt. Hier im Foyer des Willy-Brandt-Hauses sehen Sie mich neben der berühmten Statue unseres ehemaligen Bundeskanzlers, Parteivorsitzenden und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Die beeindruckende Brandt-Skulptur wurde vom Wilhelmshavener Rainer Fetting gefertigt.

Nach einer Tischlerlehre und seiner Ausbildung zum Bühnenbildner an der Landesbühne in Wilhelmshaven verließ Fetting seine friesische Heimat, um in Berlin an der Hochschule für Kunst zu studieren. 1977 gründete er gemeinsam mit Anne Jud, Helmut Middendorf, Berthold Schepers, Salomé und Bernd Zimmer die berühmte „Galerie am Moritzplatz“ und wurde zu einer der bedeutendsten Figuren der deutschen Neuexpressionisten..

Als man Fetting 1996 fragte, ob er eine Skulptur des beliebten Sozialdemokraten Brandt für die neue Parteizentrale der SPD anfertigen würde, viel ihm die Entscheidung nicht schwer: Für Fetting wurde ein lang gehegter Traum war. Seine Brandt-Skulptur ist ein beeindruckendes Kunstwerk. Rainer Fetting ist es gelungen die verschiedenen Facetten des Politikers und Menschen Willy Brandt in einer Skulptur zu vereinen. Die Bronzefigur offenbart, wie „Willy“ den Menschen gegenübertrat: nachdenklich, herzlich, bisweilen launisch, mit der Bereitschaft, zuhören zu wollen, den Dialog suchend, immer mit dem Anspruch zu versammeln und zu führen.

Ich lasse die Statue immer wieder gerne auf mich wirken, wenn ich mich im Willy-Brandt-Haus aufhalte und es meine Zeit erlaubt.

 

Grabmal von Heinrich Ludwig Hagen

Bild zeigt Karin Evers-Meyer mit einem Begleiter am Grabstein Heinrich Ludwig Hagens.

Karin Evers-Meyer auf dem Berliner Invalidenfriedhof.

Auf dem Berliner Invalidenfriedhof liegt ein Mann der ersten Wilhelmshavener Stunden begraben. Auf dem Bild sehen Sie mich neben dem Grabmal von Gotthilf Heinrich Ludwig Hagen (1797-1884). Hagen legte vor über 150 Jahren den Grundstein für unser heutiges Wilhelmshaven. Als Oberbaudirektor im Dezernat Wasserbau war er zuständig für den Entwurf des ursprünglichen Hafenplans für den deutschen Marinehafen an der Jade. Hagen bestimmte damit nachhaltig den Grundriss des preußischen Marine-Etablissements aus dem später Wilhelmshaven hervorgehen sollte.

Sein Konzept zur Anlage des Hafens war von bemerkenswerter Weitsicht und Sachverstand geprägt. Hagens Entwurf erfüllte die Anforderungen der preußischen Admiralität, ließ aber dennoch problemlos Platz für später notwendige Erweiterungen und Ergänzungen. Von 1855 bis 1856 leitete er vor Ort als Vorsitzender der zuständigen Hafenbau-Kommission die beginnenden Baumaßnahmen, um anschließend nach Berlin zurückzukehren. Hier verstarb er am 3. Februar 1884.